Heteros fragen, Homos antworten.
Queer weiß das! 

Original aus tagesspiegel.de 2016

  • Wärt ihr lieber hetero?
  • Spielt ihr unsere Rollen?
  • Wie weise ich als Hetero schwule Flirts zurück?
  • Freuen sich Homos, wenn Heteros auf ihre Partys gehen?
  • Verachten Schwule Frauen?
  • Keine Kinder, die sie pflegen: Haben Homosexuelle Angst vorm Alter?
  • Haben Schwule ein besonderes Gespür fürs Schöne?
  • Warum sind Homos so scharf aufs Heiraten?
  • Warum soll sich ein schwuler Fußballprofi outen?
  • Warum dürfen Schwule immer noch kein Blut spenden?
  1. Wärt ihr lieber hetero?

Ich habe eine ganz einfache Frage: Wärt ihr, zumindest manchmal, lieber hetero? Das wäre doch viel praktischer, oder? – Sebastian, neugierig.

Gleich eine Gegenfrage: Was genau soll noch mal am Hetero-Sein attraktiv sein? Dass man auf einem Date für beide bezahlen muss? Dass die Beziehungsanbahnung ohnehin ziemlich umständlich ist, wenn ich das richtig mitbekomme? Lothar Matthäus und Eva Herman als Rollenvorbilder?

Aber ernsthaft. Natürlich gibt es Homos, bei denen man annehmen kann, sie wären lieber hetero. Auf schwulen Datingportalen gibt es dafür sogar einen Fachausdruck: straight acting – „straight“ steht im Englischen für heterosexuell. Das meint Typen, die sich ostentativ männlich geben und kleiden, etwa so wie der heiße Hetero-Nachbar. Sie legen Wert darauf, nicht „in der Szene“ auszugehen, besuchen keine Schwulenbars, lehnen Tunten ab und kumpeln mit ihren Hetero-Buddys. Straight acting wird von nicht wenigen Schwulen ausdrücklich gewünscht.

“Straight acting” – das wünschen sich viele Schwule

Dazu passt, dass sich viele Schwule und Lesben so vehement nach der Ehe sehnen. Ich persönlich verstehe das nicht. Wir haben doch nicht jahrzehntelang gekämpft, um uns freiwillig einem Institut zu unterwerfen, das dank des Ehegattensplittings die ungleiche Partnerschaft befördert! Ich kann mir das nur mit dem Wunsch nach bürgerlicher, von den Heteros vorgelebter „Normalität“ erklären. Einige wünschen sich auch einen „normaleren“ CSD – zu viel Fummel mindere die Akzeptanz, lautet ihr Argument. Sie vergessen, dass 1969 in der Christopher Street nicht Anzugträger, sondern Drag Queens für unsere Rechte demonstriert haben.

Ein Freund von mir sagt gern: „Fürs straight acting gibt es keinen Oscar, Schätzchen.“ Meine Schauspielkünste sind eh begrenzt, daher: Nein, ich wäre nicht lieber hetero. Und ich kenne auch niemanden in meinem queeren Bekanntenkreis, bei dem oder der das anders wäre. Ich empfinde es eher als befreiend, dass ich den ganzen Hetero-Klimbim nicht mitmachen muss. Auf Alltagsdiskriminierungen könnte ich natürlich dennoch gut verzichten.

Diese Rollenvorbilder hat die Heterosexualität nicht verdient

Womöglich kann ich mir das Hetero-Sein aber einfach nur nicht vorstellen, weil ich es nie praktiziert habe. Deswegen ein Vorschlag: Wollen wir einfach mal eine Woche tauschen, lieber Sebastian? Sie homo, ich hetero? Ich nehme dann auch das mit Lothar Matthäus und Eva Herman zurück. Die beiden als Rollenvorbilder hat die Heterosexualität wirklich nicht verdient.

P.S.: Lebte ich in Russland, würde ich die Frage vielleicht anders beantworten.

  1. Spielt ihr unsere Rollen?

Auch wenn beide Partner biologisch das gleiche Geschlecht haben: Ist bei Homo-Paaren nicht trotzdem auch immer eine/r der Mann und eine/r die Frau? – Annemarie, Charlottenburg

Nö! Aber ich kann mir denken, wie Sie auf die Frage kommen. Denn bei Hetero-Paaren scheint ja immer einer der Mann und eine die Frau zu sein. Da liegt es erst mal nahe, diese Rollenaufteilung auch bei Homos zu vermuten. Außerdem können viele Heteros kaum glauben, dass Begehren zwischen zwei Frauen und zwei Männern überhaupt möglich ist. Darum stellen sie sich vor, dass die Homos die Heterowelt, so gut es geht, nachspielen müssen.

Es ist ja auch richtig, dass Homos und Heteros viel gemeinsam haben. Homos fallen schließlich nicht einfach vom Himmel. Sie wachsen in einer heterosexuell geprägten Umwelt auf. Ihr Verständnis der Geschlechterrollen und ihr Begehren wird modelliert bei der Lektüre heterosexueller Literatur oder heterosexueller Filme. Weil Homos von dieser Welt sind, kleiden sie sich üblicherweise auch nicht in Fantasie-Uniformen, sondern greifen auf das Verfügbare zurück, genau wie Heteros.

Bei Homos ist die Vielfalt größer

Bei Homos ist die Vielfalt dabei aber größer. Es gibt völlig rollenkonforme Homos: Lesben, die nicht auf den ersten Blick als solche erkannt werden, weil sie „feminin“ aussehen. Und Schwule, die als harte Männer auftreten, muskelbepackt und mit Lederhosen. Viele andere weichen in ihrem Bekleidungsstil und in ihrem Verhalten von der heterosexuellen Norm ab. Manche schwule Männer schmachten Operndiven an, unter lesbischen Frauen scheint es überdurchschnittlich viele Motorrad- und Fußballfans zu geben. Andere Homos changieren androgyn zwischen den Polen.

Erotische Spannung kann zwischen allen Ausprägungen und in allen Kombinationen entstehen. Keineswegs muss immer eine_r im Paar „maskulin“ und der/die andere „feminin“ auftreten, weder auf der Straße noch im Bett. In der Schöneberger Frauen-Tanzschule „Donnadanza“ lernen Lesben gleich die Schritte für beide Rollen: führen und folgen.

Ist bei Heteros eigentlich immer einer “der Mann” und eine “die Frau”?

Homos unterlaufen heterosexuelle Geschlechterstereotype, deuten sie um, machen aus starren Vorschriften ein Spiel. Darum fühlen sich Homos auch keineswegs als missglückte Kopien von Hetero-Originalen. Vielmehr verstehen sie ihre „Maskulinität“ und „Femininität“ (und alles dazwischen) als Ausdruck einer Geschlechteridentität jenseits von „Mann“ und „Frau“. Sie genießen die Freiheit, ihre Persönlichkeit auszuleben, zelebrieren sie sogar.

Und ist bei den Heteros eigentlich wirklich immer einer der „Mann“ und eine die „Frau“? Zum Glück immer seltener. Auch Heteros lieben die Freiheit.

  1. Wie weise ich als Hetero schwule Flirts zurück?

Wie weise ich es freundlich zurück, wenn schwule Männer mich angraben? Das passiert mir hin und wieder – und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Jens, Kreuzberg

Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch! Seien Sie doch froh, derart begehrt zu sein. Wenn Sie das nicht wollen, sollten Sie mit Ihren Kumpels vielleicht einfach nicht sonntagabends vor den Darkrooms im Berghain herumhampeln. Die muskulösen, bärtigen Herren neben Ihnen warten jedenfalls nicht darauf, gemeinsam über Fußball zu diskutieren. Und auch Ihre Solidarität mit uns Schwulen zu demonstrieren, indem Sie mit Ihrer besten Freundin zum Gay-Tea-Dance gehen, funktioniert nicht so richtig. Die Gaby im Schlepptau bedeutet in diesem Kontext nämlich nicht: „Ich bin schon vergeben.“ Sondern: „Ich hab’s ganz dringend nötig.“

Soweit die scherzhafte Betrachtung des Problems.

Denn in Ihrer Frage scheint im Kern doch etwas anderes zu stecken. Kann es sein, dass Sie ein kleines Problem mit Schwulen haben? Natürlich sagen Sie jetzt: Ich habe sooo viele schwule Freunde und Kollegen, und das ist sooo normal, dass ich gar nicht weiter drüber nachdenke. Aber einer von denen, einer von uns sein? Wenn Sie ehrlich sind, ist das vielleicht dann doch eine gruselige Vorstellung für Sie? Ihr Umfeld könnte ja sonst was denken!

Ein Flirt ist kein Alarmsignal

Hätten Sie die Gleichberechtigung von Homo- und Heterosexualität wirklich verinnerlicht, dann würden Sie nicht einen einzigen Gedanken daran verschwenden, in wessen Beuteraster Sie fallen. Ein Flirt mit einem Mann würde Ihrem Ego schmeicheln – und keine Alarmsignale auslösen. Bedeutet „schwul“ für Sie vielleicht in Wahrheit: „unmännlich“?

Gehen Sie doch einmal in sich und stellen Sie sich die Frage, was in aller Welt denn nur so schlimm daran ist, von einem Mann angebaggert zu werden? Also: angeflirtet, nicht belästigt – Letzteres ist natürlich in keiner geschlechtlichen Konstellation in Ordnung. Vielleicht senden Sie ja Signale aus, mit denen Sie auf dem inneren Schwulenradar auftauchen, mit dem die meisten Homosexuellen ausgerüstet sind. Damit müssten Sie leben, denn es gehört zu Ihrer Persönlichkeit.

Frauen baggern auch Schwule an

Den von Ihnen beschriebenen Fall gibt es übrigens auch bei uns: Frauen verknallen sich gern in Schwule. Schließlich treiben wir alle viel Sport, riechen gut und können mit Farben umgehen (kleiner Scherz). Nicht selten sind hier, nachdem Missverständnisse mit einem freundlichen Satz – oder besser: bei einem Drink – ausgeräumt wurden, innige Freundschaften entstanden. Manchmal geht man dann sogar zusammen zum Gay-Tea-Dance.

  1. Freuen sich Homos, wenn Heteros auf ihre Partys gehen?

Jein! Natürlich ist es wunderbar, wenn am Christopher Street Day Heteros und Homos zu einer großen feiern-  den Familie verschmelzen. Rentnerinnen vor dem KaDeWe und die Transen im Zug werfen einander Kusshände zu, Eltern tragen ihre Kinder auf den Schultern, damit sie die Homos gut sehen können. So entspannt ging es längst nicht immer zu. Bei Berlins erster Homo-Demo 1973 gab es noch Passanten, die schrien: „Die Nazis haben vergessen, euch zu vergasen!“ Damals mitdemonstrierende Lehrer_innen hatten sich mit Kapuzen vermummt, weil Schwule und Lesben im Schuldienst undenkbar waren.

Es ist egal, wer was ist – so weit sind wir leider noch nicht

Homofreundliche Heteros, die sich auf dem CSD oder auf einschlägigen Partys wohlfühlen, sind dort also willkommen, den Wirten als zahlende Gäste sowieso. Und sollte so nicht die Zukunft aussehen: Homos und Heteros glücklich vereint – egal, wer was ist?

Aber so weit sind wir leider noch nicht. Denn natürlich spielt es sehr wohl eine Rolle, wer was ist. Viele Homos trauen sich nicht, sich am Arbeitsplatz zu outen. Andere werden bedroht oder geschlagen, wenn sie einander in der S-Bahn umarmen oder wenn sie gegen die heterosexuellen Bekleidungsnormen verstoßen.

Orte aufsuchen, an denen man als normal gelten darf

Darum suchen viele Homos Homo-Partys nicht nur auf, wenn sie auf Partner_innensuche sind. Ihnen geht es auch darum, ihre Batterien unter ihresgleichen aufzuladen. Denn zu einer diskriminierten Minderheit zu gehören, kann einen latenten Dauerstress erzeugen. Man sucht davon Entlastung an Orten, an denen man als normal gelten darf. Nicht nur auf Partys, auch im Schwulenchor, beim lesbischen Kneipenquiz oder im Urlaub: Manche Lesben entspannen sich in dem Dorf Skala Eressos auf Lesbos, wo sie das Bild bestimmen, ähnlich wie in Provincetown in Massachusetts, einer Hochburg der Lesben und Schwulen. Für Heteros ist es selbstverständlich, den ganzen Tag von anderen Heteros umgeben zu sein. Homos hingegen müssen sich freuen, wenn sie im Alltag oder im Urlaub einmal anderen Homos begegnen.

Darum finden manche es auch nicht lustig, wenn eine heterosexuelle Junggesellenabschiedsparty als „Mutprobe“ in die Gay-Bar kommt. Nicht störend, sondern albern ist es, wenn Heteropaare zum schwul-lesbischen Stadtfest gehen, aber ängstlich Händchen halten, damit bloß keine_r was Falsches denkt. Und wegen der vielen Hetero-Touristen hat das Möbel Olfe am Kotti ein großes Tuch ins Fenster gehängt, auf dem „Homo Bar“ steht.

Fazit: Heteros welcome – aber nicht so viele auf einmal und nur solche, die sich gut betragen. Danke dafür!

  1. Verachten Schwule Frauen?

ch höre häufiger aus dem Mund von schwulen Männern explizit Abwertendes über Frauen. Daher die Frage: Verachten Schwule Frauen? – Marie, Schöneberg

Beim Verhältnis zu Frauen gilt für schwule Männer dasselbe wie für alle Männer – es gibt solche und solche. Zunächst einmal die innige Seite der Beziehung: Viele Schwule vergöttern Frauen. Unsere größten Ikonen sind nicht etwa andere schwule Männer, sondern Madonna, Barbra Streisand oder Lady Gaga, um einige zu nennen. Wir pilgern zu ihren Konzerten oder ihre Filmen und widmen ihnen eigene Partys.

Die Verehrung hat nicht zwangsläufig etwas damit zu tun, dass sich diese Künstlerinnen für Homo-Rechte einsetzen. Vielmehr faszinieren an ihnen die Größe des Auftritts, Flamboyanz, das Spielen mit Geschlechterrollen und Sexualität. Sie sind die Diven, die viele von uns gerne wären.

Viele Schwule dürften mehr Frauen im Freundeskreis haben als Hetero-Männer

Manch schwuler Mann ist als Transe unterwegs, andere Schwule betätigen sich als Schöpfer von Mode für Frauen. Im weniger schillernden Alltag dürfte es viele geben, die deutlich mehr Frauen als Hetero-Männer in ihrem Freund_innenkreis haben. Und nein, diese Freundschaften beruhen nicht zwangsläufig auf einem gemeinsamen Interesse für Klamotten und dem Austauschen von Beziehungstipps, wie es das Klischee will. Eine Grundlage ist womöglich auch, dass die Buddy-Welt der Hetero-Männer beiden, Frauen wie Schwulen, fremd und verschlossen scheint.

Für Frauen, die fast nur schwule Freunde haben, haben Homos indes auch Begriffe wie „Schwulenmutti“ oder „Gabi“ erfunden. Die sind nicht nur ironisch gemeint, sondern haben einen beleidigenden Unterton – ein erstes Anzeichen für die Ambivalenzen in der Beziehung von schwulen Männern zu Frauen.

Andere schwule Männer stellen auch Lesben ins Abseits

So sind anderen schwulen Männern Frauen völlig egal. Sie haben zwar nichts gegen sie, interessieren sich aber auch nicht für sie – und stellen auch Lesben ins Abseits, deren Belange sie ignorieren. Schließlich gibt es diejenigen Schwulen, die sich tatsächlich dezidiert von Frauen abgrenzen, bei denen man durchaus von Frauenhass sprechen kann. Ein Grund dafür: Sie fürchten, von der Mehrheitsgesellschaft wegen ihres Schwulseins nicht als ganzer Kerl gesehen zu werden und daher ihre Privilegien als Mann zu verlieren. Sie werten Frauen ab, um ihre Männlichkeit zu unterstreichen und ihre eigenen Privilegien zu retten.

Schlau ist das nicht. Den vermeintlichen Makel des „weiblichen Schwulen“ wird man nicht los, indem man Frauen abwertet. Schwule Männer sollten sich mit Frauen besser solidarisieren. Nur dort, wo es Frauen gutgeht, wird es auch ihnen gut gehen.

  1. Keine Kinder, die sie pflegen: Haben Homosexuelle Angst vorm Alter?

Wie kommen Schwule und Lesben damit klar, im Alter möglicherweise auf sich allein gestellt zu sein, da sie keinen Nachwuchs haben, der sich um sie kümmert? – Dominic, Friedrichshain

Es ist nett, dass Sie sich Sorgen um das Wohlergehen Ihrer queeren Mitbürgerinnen und Mitbürger machen. In der Tat haben ja trotz steigender Zahl der Regenbogenfamilien immer noch weniger homosexuelle als heterosexuelle Paare Kinder. Andererseits bedeutet Nachwuchs für die Eltern heutzutage ja keineswegs mehr eine Garantie, dass sie im Alter auch von ihren Kindern umsorgt werden.

In unserer globalisierten, individualisierten Gesellschaft leben die Generationen häufig weit voneinander entfernt, vielfach fehlen seitens der Jüngeren Zeit und Bereitschaft, für die Alten da zu sein. Davon zeugen allein schon die vielen professionellen Pflegedienste. Sie übernehmen Aufgaben, für die einst quasi automatisch die Kinder zuständig waren.

So ist auch für heterosexuelle Senioren mit Kindern das Risiko von Alterseinsamkeit heute weit höher als noch vor 30, 40 Jahren. Kinderlose Homosexuelle haben ihnen gegenüber vielleicht sogar einen Vorteil: Ihnen ist diese Problematik bereits früher bewusst, und sie können sich beizeiten darauf einstellen. Das Verhältnis zur Familie ist für viele queere Menschen – zumal aus der Generation 70 plus – ohnehin häufig ein ambivalentes.

Es gibt zu wenige professionelle Pflegeangebote für queere Menschen

Denn wer in den fünfziger oder sechziger Jahren sein Coming Out hatte, konnte nicht unbedingt auf das Verständnis von Eltern, Tanten und Geschwistern zählen. Zudem galt der Paragraf 175, Schwulsein war quasi illegal.

Aufgrund von familiärer und gesellschaftlicher Ausgrenzung ist für Trans- und Homosexuelle die Bedeutung von Freundinnen und Freunden traditionell besonders hoch. Wie wichtig Ersatzfamilien und Netzwerke sind, haben vor allem Schwule zu Hochzeiten der Aids-Krise schmerzhaft erfahren. Die Herkunftsfamilien wendeten sich vielfach von den stigmatisierten Kranken ab. Ohne ihre queeren Freunde wären viele allein gestorben.

Aber selbst ein langlebiger, engagierter Freundeskreis kann nicht alle Bedürfnisse abdecken. Schätzungen gehen deutschlandweit von über 100 000 pflegebedürftigen Homosexuellen aus. Es existieren jedoch kaum professionelle Angebote für sie. In Berlin gibt es immerhin seit 2012 die Wohngemeinschaft „Lebensort Vielfalt“, ein Mehrgenerationenhaus für schwule Männer mit Pflegebedarf und Demenz. Der Bedarf für ähnliche Einrichtungen dürfte gerade in der Homo-Hochburg Berlin groß sein. Denn es ist niemandem zu wünschen, an seinem/ihrem Lebensabend in einem Altersheim plötzlich noch einmal über ein Outing grübeln zu müssen oder alte Ablehnungsrunden ein weiteres Mal zu durchlaufen.

  1. Haben Schwule ein besonderes Gespür fürs Schöne?

Was ich mich schon häufig gefragt habe: Warum scheint es so, dass seeehr viele Schwule so ein besonderes Gespür für Ästhetik, Mode und gutes Leben haben? Oder ist das gar ein Fakt? Eike, Lippstadt

Ihre Frage würde ich seeehr gern noch erweitern: Warum sind seeehr viele Schwule so sensibel, warum stehen sie auf bunte Klamotten, warum färben sie sich – soweit möglich – blonde Strähnchen, schwingen die Hüften wie Shakira, und warum heißen seeehr viele von ihnen Detleeef? Nach Lesben haben Sie sich zwar nicht erkundigt, aber vermutlich fragen Sie sich insgeheim auch, warum seeehr viele homosexuelle Frauen so männlich wirken, Holzfällerhemden tragen und sich nicht die Achseln rasieren.

Alles Klischee?

Die Aufzählung klingt schräg? Kein Wunder. Denn so sind die gängigsten Klischees über Homosexuelle: schräg. Aber wie das so ist mit einem Klischee: Hat es sich erst einmal im Kopf festgesetzt, dann findet sich auch die Bestätigung dafür. Sicherlich haben Sie einen Schwulen in Ihrem Bekanntenkreis, der im Designerloft hockt und sich schon morgens mit Champagner die Zähne putzt. Und bestimmt denken Sie an die Paraden zum Christopher Street Day, auf denen sich mykonos-gebräunte Muskelmänner in Calvin-Klein-Buxen die Kante geben, bevor sie für die nächsten 72 Stunden zum Abfeiern in den Clubs verschwinden. Und Sie, lieber Eike, müssen wieder die Kinder hüten, während die Homos das locker verdiente Geld von den tollen Jobs beim Tagesspiegel oder bei der Lufthansa egoistisch auf den Kopp hauen

Diskriminierung wirkt nach

Aber Sie kennen eben nicht alle Schwulen. Uns gibt es nämlich nicht nur in der Ausführung reich und erfolgreich, sondern auch in der Variante arm und gescheitert (soll ja bei Heteros ganz ähnlich sein). Die Version prekärer Homo ist gar nicht mal so selten, auch weil das Leben vieler Homosexueller gekennzeichnet war (und ist) von Diskriminierung. Das liegt nicht nur bleischwer auf der Seele, sondern ist auch eine Last beim persönlichen Fortkommen. Schwule, so hat eine US-Ökonomin nach Auswertung von 30 Studien herausgefunden, verdienen beispielsweise durchschnittlich elf Prozent weniger als Hetero-Männer.

Aber Ernst beiseite. Melden Sie sich doch mal beim schwulen Dating-Portal Gayromeo an. Dort gibt es ein Forum mit dem ironisch gemeinten Namen „Schwule Wohnkultur“. User laden hier Fotos hoch, die ihnen beim Surfen über die Profile anderer Nutzer aufgefallen sind – wegen der Hässlichkeit der Interieurs. Die Aufnahmen zeigen Männer in ihrem häuslichen Umfeld, bei dem jeder Innenarchitekt (die sind ja auch meistens schwul – kleiner Scherz) tot vom Designerschrank fallen würde.

  1. Warum sind Homos so scharf aufs Heiraten?

Sagt mal, liebe Queers: Warum seid ihr eigentlich so scharf aufs Heiraten? – Johannes, Britz

Ob wir wirklich alle scharf aufs Heiraten sind, sei dahingestellt. Aber selbst große Ehemuffel unter uns legen Wert darauf, dass uns zumindest die rechtliche Möglichkeit eröffnet wird. Die Unionsparteien verbarrikadieren Homosexuellen den Zugang, als würden sie Fort Knox sichern.

Zwar mag die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“, wie das eheähnliche Institut für Homos heißt, inzwischen in fast allen Punkten der Hetero-Ehe gleichgestellt sein. Als wichtiger Punkt fehlt aber noch das gemeinsame Adoptionsrecht. Dass Lesben und Schwule vom Staat überhaupt in eine Verbindung zweiter Klasse gezwungen werden, empfinden viele als demütigend.

Die Öffnung der Ehe hätte eine große symbolische Bedeutung

Würde die Ehe vollends geöffnet, wäre das von großer symbolischer Bedeutung: Der deutsche Staat, der Homosexuelle lange verfolgt hat, würde damit dokumentieren, dass er uns Homosexuelle fortan wirklich genau wie Heterosexuelle akzeptiert. 21 andere Staaten haben das bereits getan, warum sollten wir das nicht auch schaffen?

Im Sprachgebrauch „heiraten“ Lesben und Schwule längst. Glückwunschkarten gratulieren auch Homo-Paaren zur „Hochzeit“ und nur selten zur „Verpartnerung“. Das klingt so bürokratisch, dass es jede Romantik tötet.

Die Ehe als Relikt der patriarchalischen Gesellschaft

Und so werden nach einer Ehe-Öffnung einige Homos sofort Smoking anlegen, weiße Kleider überwerfen und die Standesämter stürmen. Wie bei den Heteros gibt es indes andere, die die Ehe für sich persönlich ablehnen. Sie sehen sie als Relikt einer patriarchalischen Gesellschaft und fragen, warum sich Homos freiwillig der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft unterwerfen. Das gilt umso mehr, als finanziell ungleiche Beziehungen mit dem Ehegattensplitting nachgerade gefördert werden.

In der queeren Emanzipationsbewegung hinterfragen daher einige, wie emanzipatorisch die Eheöffnung wirklich ist. Der US-Philologe und Queertheoretiker Michael Warner hat der – überwiegend gut situierten und weißen – Homobewegung in den USA vorgeworfen, sie würde für die Ehe kämpfen, weil sie sich von der Hochzeit einen Statusgewinn in der Mehrheitsgesellschaft erhofft. Er befürchtet, gesellschaftlich akzeptiert würden nur die „guten“ Homos, die heiraten. „Schmuddelkinder“ blieben die, die sich verweigern. Konsequent ist es vor diesem Hintergrund, wenn sich Lesben und Schwule für die langfristige Abschaffung der Ehe einsetzen.

Nahziel muss gleichwohl deren Öffnung sein. Auch wenn der Kampf gegen Diskriminierung damit noch lange nicht beendet wäre.

    1. Warum soll sich ein schwuler Fußballprofi outen

Derzeit gibt es in Europa keinen einzigen offen schwulen Profifußballer. Es wäre Zeit, dass sich  das ändert.

t es für die queere Community oder zumindest für deren fußballbegeisterten Teil eigentlich so wichtig, dass endlich ein aktiver schwuler Spitzenfußballer sein öffentliches Coming Out hat? Bodo, Reinickendorf

Zuallererst wäre das für die schwulen Spieler selbst wichtig, die tagtäglich einen Teil ihrer Persönlichkeit verleugnen müssen. Das reicht vom Ignorieren homophober Bemerkungen bis hin zum Anheuern von angeblichen Freundinnen. Eine ziemlich nervenaufreibende Angelegenheit, die einiges an Energie frisst. Energie, die ein Profifußballer eigentlich lieber in seinen Sport stecken würde.

Angriff auf eine Bastion der reinen Macho-Männlichkeit

Der frühere Zweitliga-Spieler Marcus Urban hat das in seinem Buch „Versteckspieler“ anschaulich beschrieben. Neben dem einstigen Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ist Urban der einzige offen schwule Ex-Profi. Dass es bisher kein aktiver Spieler in Europa gewagt hat, sich öffentlich zu outen, zeigt, wie groß Angst und Verunsicherung bei diesem Thema sind. Homosexualität bleibt ein Tabu im Fußball.

Es wirkt fast wie die letzte Verteidigungslinie all jener Starrköpfe, die den Sport als Bastion ungebrochener Macho-Männlichkeit sehen. Und die musste in den letzten zehn Jahren schließlich schon genug einstecken: immer mehr Frauen im Stadion, dazu queere Fan-Clubs und Toleranzinitativen der Verbände. Da will man wenigstens ab und zu noch „Spiel nicht so schwule Pässe“ oder „Schiri, du Schwuchtel“ schreien können.

Ein Promi-Coming-Out könnte schwule Nachwuchsspieler bestärken

Das Klima ist zwar besser geworden, doch Homophobie gehört genau wie Rassismus immer noch zum Fußball. Umso wichtiger ist es, gegen beides weiter anzugehen. Ein öffentliches Coming Out von einem oder mehreren Spitzenspielern wäre da ein starkes Zeichen, das bis in den Amateur- und Jugendbereich hinein signalisieren würde, dass Schwule selbstverständlich einen Platz im Fußball haben. Vor allem wegen dieser Vorbild-Funktion wünscht sich die LGBT-Community einen mutigen schwulen Kicker, der rauskommt. Vielleicht würden sich Nachwuchsspieler, die merken, dass sie auf Jungs stehen, weniger allein und weniger seltsam fühlen – und nicht unter die Versteckspieler gehen.

Der Medienrummel, den ein Coming Out auslösen würde, ist sicher ein Grund, warum potenzielle Kandidaten diesen Schritt scheuen. Niemand kann gezwungen werden, sich so zum schwulen „Klassensprecher“ zu machen. Doch nach anfänglicher Aufregung wäre es dann nichts Besonderes mehr. Wir haben schließlich das Jahr 2016 und leben in einer Demokratie. Da kann man als gut bezahlter Fußballer vielleicht wirklich mal etwas wagen. Also, schwule Spieler: Die westlichen Werte zum EM-Start im Praxistest – wäre doch ein Treffer.

10.Warum dürfen Schwule immer noch kein Blut spenden?

In Orlando wollten viele Blut spenden, um den Verletzten des Terroranschlages zu helfen. Ausgerechnet Schwule durften das nicht. Auch in Deutschland gilt für sie noch ein Blutspendeverbot.

Nach dem Anschlag von Orlando standen Menschen Schlange, um Blut für die Verletzten zu spenden. Da fragte ich mich sofort: Ist Blutspenden in Deutschland für Schwule eigentlich immer noch verboten? Und halten sich alle daran? – Hartmut, Falkensee.

In Deutschland ist das Verbot sogar schärfer als in den USA. Hierzulande sind pauschal alle Männer vom Blutspenden ausgeschlossen, die Sex mit Männern haben – neben Schwulen also auch Bisexuelle sowie Männer, die sich als heterosexuell verstehen, aber ab und zu auch mit Männern schlafen. In den USA gilt für sie immerhin eine Karenzzeit: Leben sie ein Jahr enthaltsam, ist das Blutspendeverbot aufgehoben.

Das deutsche Verbot basiert auf einer EU-Richtlinie. Sie schließt Personen aus, bei denen das Risiko hoch ist, dass sie durch Blut übertragene Infektionskrankheiten in sich tragen. Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass Männer, die Sex mit Männern haben, eine Risikogruppe sind: Auf sie entfallen zwei Drittel aller HIV-Neuinfektionen. Und nach jeder Infektion gibt es ein kurzes Zeitfenster, in dem HIV noch nicht nachweisbar ist – was es für Empfänger des Bluts gefährlich machen könnte.

Viele Schwule praktizieren Safer Sex und wären perfekte Spender

Dass für die Behörden Sicherheit an erster Stelle steht, ist selbstverständlich. Dennoch empfinden Homosexuelle die Regeln als diskriminierend, da sie schwule Männer unter Generalverdacht stellen: Insinuiert wird, dass alle wild und ungeschützt herumvögeln; ausgeblendet wird, dass im Gegenteil viele schwule Männer Safer Sex praktizieren und damit perfekt als Spender geeignet wären.

Nicht die sexuelle Identität eines Menschen macht ihn zum Risikoträger, sondern seine Sexualpraktiken. Man könnte die Diskriminierung beenden, indem man vor der Blutspende nicht nach der Orientierung fragt, sondern nach ungeschütztem Sex. So ist es bei Heteros üblich, die bei häufigem ungeschützten Verkehr mit wechselnden Partner*innen auch nicht Blut spenden dürfen.

Solidarische Heteros spendeten in Orlando Blut

Theoretisch kann man beim Spenden verschweigen, dass man Sex mit Männern hat. Ob das oft passiert? Schwer zu sagen. Viele dürften sich gar nicht erst auf ein entwürdigendes Versteckspiel einlassen, wenn ihre Hilfe nicht erwünscht ist.

Um auf Orlando zurückzukommen: Das Verbot führte zu dem Irrsinn, dass Schwule nicht spenden durften, obwohl Konserven knapp wurden. Die Schlangen vor den Kliniken wurden so zu einem widersprüchlichen Symbol: Einerseits verdeutlichten sie die Solidarität helfender Heteros, andererseits verkörperten sie die Diskriminierung Schwuler, denen das Helfen verwehrt blieb. Ihnen wurde in dieser dunklen Stunde einmal mehr klargemacht, dass es mit ihrer Gleichstellung nicht weit her ist.

Fortsetzung folgt ….

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